Neuanfang im Frauenhaus

10. Oktober 2010
Von vechtablogger

Susannes Bilderbuch-Ehe endete im Frauenhaus Vechta. Viel später, als es sich Außenstehende vorstellen können.  Wer weiß, wie verzweifelt eine Frau sein muss, um das auszuhalten? Aushalten, wie sie über Jahre hinweg von ihrem Mann  beschimpft wird. Wie er sie vor den Augen der Kinder anbrüllt. Wie er sie schüttelt. Sie schlägt. Sie so lange  würgt, bis ihr nur noch ein Gedanke durch den Kopf schießt: Was wird aus den Kindern, wenn ich sterbe?

Jetzt will Susanne (Name geändert) nur nach vorne schauen.  Sie sitzt in den Räumen des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) an der Kronenstraße. Vor einem dreiviertel Jahr war sie aus ihrer Ehe mit den Kindern ins Frauenhaus des SkF geflüchtet. Sie wollte an einen Platz, an dem ihr Mann sie nicht findet, an dem sie Abstand bekommt und sie ihr Leben und das der Kinder neu und ohne Gewalt beginnen kann.

Susanne hat sich vor ihrem gewalttätigen Mann ins Frauenhaus in Vechta geflüchtet. Jetzt will sie mit ihren Kindern ein neues Leben beginnen und nach voren schauen. Foto: Vechtablogger

Susanne hat sich vor ihrem gewalttätigen Mann ins Frauenhaus in Vechta geflüchtet. Jetzt will sie mit ihren Kindern ein neues Leben beginnen und nach voren schauen. Foto: Vechtablogger

Fast niemand weiß, wo das Frauenhaus steht

Die 37-Jährige ist eine von mehr als 1000 Frauen, die seit 1987 im Vechtaer Frauenhaus untergekommen sind. Kaum jemand weiß, dass es das in Vechta gibt. Zum Schutz der Frauen haben selbst Angehörige keine Ahnung, wo es sich befindet. Zu denen, die es wissen, gehören die Mitarbeiterinnen des SkF, die täglich dort sind, um den Frauen zu helfen, und die Polizei. Alle Bewohnerinnen haben eins gemeinsam, weiß Leiterin Maria Neemann. Sie haben in ihrer Ehe so viel Gewalt erfahren, dass sie es nicht mehr ausgehalten haben.

Susanne konnte sich die Flucht ins Frauenhaus zunächst nicht vorstellen. “Bei den anderen Frauen ist alles bestimmt noch viel schlimmer”, glaubte sie. Aber Maria Neemann belehrte sie eines Besseren. Denn Susannes Leidensweg war hart und typisch für die, die ins Frauenhaus flüchten, betont Neemann. Jede vierte Frau erfahre mindestens einmal im Leben Gewalt in der Beziehung – nicht immer körperlich, aber dafür seelisch. Es passiere in allen gesellschaftlichen Schichten.

“Ich war ganz schön doof”

Schmetterlinge im Bauch, eine Schulter zum Anlehnen. Es war der perfekte Mann, den Susanne kennen gelernt hatte. So glaubte sie. Aber schon nach wenigen Monaten Ehe zeigten sich die ersten Risse. Er wurde jähzornig, beschimpfte seine Frau. Jahr für Jahr ging das so. Er beleidigte sie und schlug sie vor den Augen der Kinder. “Und ich dachte immer, ich hätte etwas falsch gemacht.”

Susanne wollte nicht wahr haben, dass ihre Ehe gescheitert war, weil ihr Mann psychopathische Züge in sich trug. Immer wenn sie dachte, es geht nicht mehr, kam er wieder  angekrochen und bettelte um Verzeihung. Oder er drohte damit, sich umzubringen. “Ich habe viele Jahre an den guten Kern in ihm geglaubt”, sagt sie. “Ich war ganz schön doof.”

Fliehen bedeutet Stärke

Die heile Welt der Familie sollte nicht untergehen. Dass das längst passiert war, weiß Susanne erst jetzt. “Sie können stolz sein, dass sie das erkannt haben und gegangen sind”, lobt Maria Neemann. Das seien Erkenntnisse, die sich oftmals erst durchsetzten, wenn die Frauen mit Leidensgenossinnen im Frauenhaus redeten. Sie sind nicht stark, wenn sie bleiben, sondern wenn sie fliehen, lautet die Erkenntnis.

Die Sozialarbeiterinnen des SkF sollen ihnen zeigen, dass sie ihr Leben in die eigene Hand nehmen können. “Wir bauen das komplette Ich wieder auf.” Bis zu fünf Frauen leben gleichzeitig in dem Haus. Sie kochen und reden in einer Wohnküche, die Kinder spielen in dafür hergerichteten Räumen. Und jede Frau hat ihr eigenes Zimmer. So beschreibt Maria Neemann das Frauenhaus.

Neuanfang im Geheimen

Susanne war drei Monate dort, bis sie ihr Leben fürs Erste sortiert hatte und ihr Ich wieder aufgebaut war. Sie lebt jetzt in einer eigenen Wohnung  irgendwo in der Region. Genaueres will sie nicht preisgeben. Noch hat ihr Mann nicht aufgegeben, sie zu suchen. Fast alles ist geheim: ihre Adresse, ihre Telefonnummer, ein Großteil ihres neuen Lebens. Sie zuckt zusammen, wenn sie ein Geräusch hört, das sie nicht kennt.

Dass sie jemals wieder eine Beziehung mit einem Mann führen kann, glaubt sie nicht. Welchen Schaden die Kinder davongetragen haben, stellt sich wohl erst später heraus. Aber Maria Neemann macht ihr Mut: “Sie haben den Kindern durch ihre Flucht gezeigt, dass Gewalt keine Lösung ist.”

Susanne lächelt und sagt mit fester Stimme: “Alles ist besser als vorher.”

Frauen, die in Not sind, können sich an das Frauenhaus unter Telefon 04441-83838 wenden.

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2 Responses to “ Neuanfang im Frauenhaus ”

  1. südoldenburger on 10. Oktober 2010 at 14:09

    Gut dass es derartige Einrichtungen gibt. Aber was ist das für ein Leben, wenn niemand meine Telefon-Nr., meine Anschrift etc. erfahren darf?

    Warum kümmert sich niemand um die betroffenen Männer und versucht da mal etwas im Kopf richtig zu stellen?

    Wir geben in unserer Gesellschaft Unsummen für Drogentherapien, für Alkoholentwöhnungen etc. aus. Wenn Familien zusammen bleiben können, haben wir vermutlich das eine oder andere Problem (Drogen / Alk.) weniger.

    Scheitern wird es daran, dass niemand die Ehemänner zu einer entsprechenden Therapie o.ä. zwingen kann. Und wenn sowas behördlich verordnet wird, ist die Erfolgsaussicht wohl verschwindend gering.

    Oder gibt es sie, die Fälle in denen nachher (wann immer das sein mag? alles wieder gut ist????

    Ist auch eine spannende Frage.

  2. Tasilo on 11. Oktober 2010 at 14:02

    Ich glaube nicht, dass es in solchen Fällen je wieder “gut” wird. Wer will dieser Frau verdenken, dass sie diesem Mann nicht mehr vertraut. Egal, wie viele Therapien er macht. Egal, wie viele Tabletten er nimmt.

    Es ist gut, dass wir immer wieder daran erinnert werden, dass es solche Geschichten gibt. Denn vielleicht liest diesen Text auch wer, der dann hinterher wie Susanne sagen kann: Alles ist besser als vorher.

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